Nicht ohne Grund wurde eines fernen Tages dem kleinen Dorf Gildehaus das Prädikat
"Perle der Grafschaft" zugeeignet. Der auswärtige Besucher wird schon nach einen kurzen Rundgang durch den Ort einen gefälligen Eindruck gewonnen haben und dem Attribut zustimmen. Ist es, vor allem bei gutem Wetter, der einmalige Blick vom Mühlenberg weit hinaus ins westfälische Land, über das Naturschutzgebiet „Gildehauser Venn“ hinweg ins nachbarliche Holland oder die freie Aussicht nach Norden in die Grafschaft, die die günstige und besondere Ortslage auszeichnet? Wohl auch die jahrhundertealte, von Tradition geprägte Geschichte, überliefert durch Dokumente und Baudenkmäler. Wahrscheinlich werden all diese Eindrücke dem Besucher und Betrachter das Bild eines kleinen, sauberen und lebendigen Dörfchens an der Grenze vermitteln. Dass das „alte Gildehaus“ sich aber dem Fortschritt und der Zukunft nicht verschließt, wurde am 08.11.1982 durch die von der Niedersächsischen Landesregierung verliehene Titulierung „Staatlich anerkannter Erholungsort“ bestätigt und gewürdigt.
Erstmalig kommt der Name GYLDEHAUS im Jahre 1321 vor, als eine Abzweigung der Bentheimer Pfarre entstehen soll. Zuvor bestand jedoch bereits 1246 hier eine Kirche des Pfarrbereichs Schüttorf, die 1292 von dieser abgetrennt wurde und die Bezeichnung PAROCHIA NOVE ECCLESIA PROBE BENTHEIM, wörtlich übersetzt:“ Das neue Kirchspiel Neue Kirche bei Bentheim“, erhielt. (Auch NIENKERKEN). Urkundlich nachweisbar wurde die Kirche zwischen 1246 und 1293 erbaut und der heiligen Anna geweiht. Erbaut wurde zunächst das heutige Mutterschiff; denn der jetzige Chorraum wurde laut einer Inschrift an der Südwand erst 1480 angefügt. Hier befand sich seinerzeit auch der Haupteingang in die Kirche, welcher sich heute an der Westseite befindet. Hier erkennt man auch zwei Steinfiguren, welche eine weibliche und eine männliche Person darstellen sollen; aber deren weitere Bedeutung nicht bekannt ist. Die Löcher in der Rosette oberhalb des Westportals stammen von Gewehrkugeln aus dem zweiten holländisch-münsterischen Krieg von 1674, als hier am 06. April von morgens 7 bis mittags 1 Uhr der Kampf tobte. An einem Pfeiler an der Südseite befindet sich eine Sonnenuhr und an der nördlichen Seite ist ein Wappen der Grafschaft Bentheim angebracht. Die beiden Wetterfahnen tragen die Jahreszahlen 1853 und 1887. Übrigens bietet sich an der heutige Zustand der Kirche nach der notwendigen Renovierung von 1975 dem Betrachter.
Als Folge der Reformierung 1575 der Grafschaft unter Graf Arnold wurden im Kircheninneren die 1911 nachgewiesenen Wandgemälde, u.a. das „Jüngste Gericht“, übertüncht und der Altar verschwand. Die seitlich angebrachte Kanzel aus Bentheimer Sandstein stammt aus dem Jahre 1617. Der Opferstock ist von 1682 und trägt die Inschrift „Bedencket den Armen“. Der Kronleuchter ist aus dem 18. Jahrhundert. Der Schlussstein im Gewölbe des Chores ist mit der Nachbildung des Classis-Siegels (Schiff auf den Wellen) versehen und trägt die Inschrift „DOMINE; SERVANOS, PERIMUS!“ (Herr, hilf uns, wir verderben!). In der „Gerwekamer“ befanden sich die Porträts früherer Prediger bis zur Gegenwart (jetzt im Gemeindehaus), sowie ein Silberkelch von 1615 und ein Silberteller von 1707.
Der Kirchturm erhebt sich abseits der Kirche und stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Wegen des besseren Glockengeläutes wurde auf dem Bergrücken erbaut. (Die Sage kennt eine andere Version). Zwei der vier Glocken stammen aus dem 17. Jahrhundert. Der Wetterhahn ersetzt seit 1591 ein Kreuz auf der Kirchturmspitze.
Von den Gildehauser Predigern erlangte im 16. Jahrhundert einer sehr traurige Berühmtheit. Der in Schöppingen geborene Gildehauser Pastor Bernhard Krechting schloss sich der damals aufkommenden Wiedertäuferbewegung an und zog mit mehreren Gildehauser Bürgern nach Münster in Westfalen, um dort zusammen mit ihrem Führer Jan van Leiden und dem Münsterschen Bürgermeister Berhanrd Knipperdolling ein neues Gottesreich aufzubauen. Wie man weiß, scheiterten die Wiedertäufer am Bischof von Münster. Ihrer drei wurden nach schrecklichen Folterungen hingerichtet und ihre Leichen in Käfigen zur Abschreckung an der Lambertikirche aufgehängt. Zum imaginären Hofstaat gehörte seinerzeit auch der Gildehauser Lambertus Gylthues.
Das 16. und 17. Jahrhundert brachte den Gildehausern viel Not und Elend. Der Hollänsch-Spanische Krieg zog auch hier durchs Dorf und herrschte mit Raub und Zerstörung. Viele Bürger und Bauern verloren Hab und Gut und oftmals auch ihr Leben. Aber sie halfen sich gegenseitig wieder auf und überwanden diese schlimme Zeit. In der Folgezeit fand Gildehaus erst wieder zu Wohlstand durch die Förderung und durch den Export des Sandsteins, sowie (aber wesentlich später) durch das Aufblühen der Textilindustrie. Die jetzt noch vorhandenen und ausgedienten Steinkuhlen zeugen von der regen Betriebsamkeit und der damaligen Erwerbsmöglichkeit. Es herrschte große Nachfrage nach sandsteinernen „Kuhlbrocken“, (geologisch: Bentheimer Sandstein) und sie wurden überwiegend als Baumaterial verwandt. Unter anderem entstanden aus den in Gildehaus geförderten Sandsteinen folgende Sakral- und Profanbauten:
Der Dom zu Utrecht, die Frauenkirche in Antwerpen, die röm.-kath. Kirche in Aarhaus in Dänemark, die griech.-röm. Kirche in Kopenhagen sowie die Rathäuser in Amsterdam, Münster und Kampen.
In der Mitte des vorherigen Jahrhunderts begann rasend schnell der Ansteig der Gildehauser Textilindustrie. Bereits 1846 fanden viele Einwohner Arbeit und Lohn bei der Firma Gebrüder Hoon, die als größtest örtliches Unternehmen zu internationalen Ruf gelangte. Gildehaus hatte derzeit etwa 1.300 Einwohner. Die Bevölkerungszahl des heutigen Ortsteils Gildehaus liegt bei etwa 3.900 Einwohnern.
Die Gildehauser Windmühlen gehören charakteristisch zum Ortsbild. Ursprünglich standen drei Mühlen auf dem Bergrücken. Die Erste (und älteste) war eine hölzerne. Sie stand im Osten auf dem „Endeberg“. Diese Mühle existierte bereits 1710 nicht mehr. Die zweite, auch hölzerne, war die heutige Ostmühle, welche am 16.06.1750 durch eine steinerne ersetzt wurde. Ein gräfliches Wappen ziert die Vorderseite und eine Inschrift besagt: „LINGANA; QUAE FUERAM, BORAE PROSTATA FURORE_SAXENA MUNC OPIBUS, CARLE RESURGO TUIS 1750“ - „ Als hölzerne wurde ich durch des Nordwinds Wut zerschmettert – und erstehe jetzt mit deiner Hilfe, Karl, eine steinerne 1750“. Nach der Zerstörung durch Sturm 1941 wurde sie mehrfach renoviert und zur Zeit wieder betriebsfähig restauriert. Die Westmühle erstand im Jahre 1721 und wurde während der Kriegswirren im April 1945 durch Brand zerstört. Die Ruine ging in den Besitz des Kunstmalers Friedrich Hartmann über, der die Mühle als Maleratelier wieder herstellte.
Das ehemalige Gildehauser Rathaus, wurde erbaut im Jahre 1656. Eine Inschrift bezeugt die Jahreszahl mit folgendem Text: „DOCTRINA LUMEN 1656 („Die Lehre ist das Licht 1656“). Die beiden Anbauten links und rechts beherbergten früher die beiden oberen Schulklassen. Sinngemäß eine Inschrift am Gebäude: SCHOLA SEMINARIUM PIAE EXCLESIAE ET BONAE REI PUBLICAE („Die Schule ist die Grundlage für eine fromme Kirche und einen guten Staat“)
Neben dem alten Rathaus befindet sich ein Gedenkstein an den deutschen Dichter Firedrich Schiller, aufgesetzt in Jahre 1905. Weitere Gedenksteine findet man im Bürgergarten zur Erinnerung an den Schöpfer dieser herrlich gelegenen Parkanlage am Südhang des Berges, den früheren Bürgermeister von Gildehaus, Ernst Buermeyer, sowie ein Stein an den großzügigen Mäzen Gerhard Pohlmann. Auf dem Mühlenberg in der Nähe der Ostmühle steht ein Gedenkstein zur Erinnerung an das Befreiungsjahr 1813. Die Gedenkanlage für die Toten der letzten Kriege ist auf dem Mersch, wie auch die einzelnen Bauernschaften ihre eigenen Erinnerungsstätten haben. Am westlichsten Punkt des Bergrückens erinnert mit deinen ehrwürdigen Grabsteinen ein kleiner Judenfriedhof an die dort beerdigten Mitbürger Gildehaus.
Die konzentrierte Anhäufung verschiedenster Gesteinsarten ist im so genannten Geologischen Freilichtmuseum bei den Steinkuhlen zu besichtigen. Zeugen der Eis- und Steinzeit weisen hier die geologische Formation des Gildehauser Höhenrückens aus. Das mit letzterem und der Senke im nachbarlichen holländischen Losser eine direkte Verbindung besteht, haben 1979 technische Experimente bewiesen. Sickerwasser aus Gildehaus trat genau nach einer Woche in Losser wieder aus.
Außer der Ev.-ref. Kirche hat Gildehaus noch eine katholische Kirche „St. Anna“ (erbaut 1956). Zum Ortsbild gehört ferner das im Stadtteil Bardel gelegene Missionskloster des Franziskaner-Ordens. Gegründet im Jahre 1926 hat es bereits weltweite Tradition. Entsendet es doch seit jeher junge Ordensleute zur Missionsarbeit überwiegend nach Brasilien. Ein angegliedertes Gymnasium erweitert den Lehrkomplex der Anstalt. Auch beherbergt das Kloster ein Briefmarken- und Völkerkundemuseum. Sehenswert ist die schöne Klosterkirche.
Verkehrsmäßig war das Dorf in Vorzeiten lediglich durch eine Durchgangsstraße mit den Nachbarorten verbunden. Mitte des vorigen Jahrhunderts (Einführung des Schienenverkehrs) gelangte Gildehaus an das internationale Verkehrsnetz. Als letzte bzw. erste Station auf deutschem Boden an der Eisenbahnstrecke Amsterdam-Moskau hatte Gildehaus in Waldseite einen Reichsbahnhof (die Ruine wurde 1973 abgerissen). Durch Eröffnung der Strecke Coevorden-Gronau der Bentheimer Eisenbahn AG am 20.06.1908 erhielt der Ort einen weiteren Bahnhof und somit eine wichtige Verkehrsanbindung. Durch die Anlegung einer Fern-Autostraße quer durch den Ort im Jahre 1930 wurde der Verkehrsbedarf noch erweitert und verbessert. Seit Mai 1985 ist Gildehaus Autobahnanschlussort.
Der Text wurde von Herrn Heinz Selker im Mai 1987 erstellt und mir in Januar 2008 vom Verkehrs- und Verschönerungsverein für Gildehaus und Umgebung e.V. zur Verfügung gestellt.
